Presse

Der letzte Anker

Flexible Hilfe betreut traumatisierte Mädchen

von Sven Loerzer

Wenn eine junge Frau im Alter von 22 Jahren ihre Lehre als Friseurin erfolgreich abschließt, wäre das eigentlich kaum erwähnenswert. Aber für Susanne (Name geändert) war der Weg dahin alles andere als einfach. Ängste hatten noch vor wenigen Jahren ihr Leben so geprägt, dass sie sich kaum imstande sah, die Wohnung zu verlassen. Weil sie Opfer sexuellen Missbrauchs in der eigenen Familie geworden war, vermittelte das Jugendamt Susanne an die vor zahn Jahren gegründete „Flexible Hilfe“ der Initiative für Münchner Mädchen (IMMA). „Gewalterfahrungen, Vernachlässigung oder eben sexueller Missbrauch haben vielfältige Beeinträchtigungen zur Folge“, sagt die Leiterin der „Flexiblen Hilfe“, Maria Bayr-Link. „Isolation, Ängste, sozialer Rückzug oder auch psychosomatische Beschwerden und psychische Auffälligkeiten sind klassische Symptome. Sie zeigen, dass ein Mädchen in seiner konkreten Lebenssituation nicht mehr zurechtkommt.“ Susanne kam vor drei Jahren in eine betreute Wohngemeinschaft und lernte mit dieser Unterstützung, ihren Alltag selbst zu organisieren sowie Anschluss an andere Menschen und das Berufsleben zu finden. Nach mehr als zwei Jahren Betreuung hat sie nun eine eigene Wohnung bezogen. Insgesamt haben die „Flexiblen Hilfen“ in zehn Jahren 464 Mädchen im Alter von sechs bis 21 Jahren ambulant oder stationär betreut, um ihnen Perspektiven für ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu vermitteln.
Der Bedarf ist stark gestiegen: Kümmerten sich zu Beginn zwei Mitarbeiterinnen um fünf Mädchen, so sind es heute 21 Betreuerinnen für 44 Mädchen. Viele der Mädchen sind Opfer von sexuellem Missbrauch oder häuslicher Gewalt geworden und deshalb kaum bindungs- und beziehungsfähig. „Wir sind oft der letzte Anker für diejenigen, die nicht mehr in die Schule gehen und nicht mehr motivierbar erscheinen“, erklärt Maria Bayr-Link. Skeptisch sieht sie deshalb das Bestreben des Jugendamts, die Hilfen für über 17-Jährige schneller zu beenden. Eine Beziehung aufzubauen gelinge nur, wenn die Zeit dafür reiche. „Wenn wir die über 17-Jährigen nicht mehr über einen längeren Zeitraum begleiten und stabilisieren können, dann werden sie in die Psychiatrie kommen.“
Ohnehin seien die Problemlagen Jugendlicher viel komplexer geworden. So gebe es durch Leistungsdruck immer mehr psychiatrische Auffälligkeiten gerade auch bei Mädchen aus Mittelschichtfamilien. Immer öfter sind Mädchen auch gewalttätig, verletzen sich selbst oder würden straffällig. Unter den betreuten Jugendlichen sind fünf junge Mütter mit kleinen Kindern.