8. Standards zur Arbeit mit Gewalt ausübenden Mädchen und jungen Frauen

 

1. Einleitung

 

IMMA steht seit Gründung für den Schutz von Mädchen und jungen Frauen und die Vision eines gewaltfreien Lebens. Deshalb waren bisher alle Angebote auf die Beratung und Betreuung von Mädchen, die Gewalt in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen erlitten haben, ausgerichtet. In den letzten Jahren mehrten sich die Erfahrungen in der Praxis, dass Mädchen zunehmend selbst Gewalt ausüben. Auch nehmen IMMA-Mitarbeiterinnen durch eigene wachsende Sensibilisierung deren Gewalttätigkeit deutlicher wahr. Wir stellten fest, dass Gewalt ausübende Mädchen häufig Opfer von Gewalt waren und/oder sind und die Gleichzeitigkeit von Opfersein und Ausübung von Gewalt im Konzept unseres mädchenspezifischen Angebotes unbedingt berücksichtigt werden muss. 

IMMA reagierte auf diesen Bedarf mit der Installierung von „Trainings für Gewalt ausübende Mädchen“ [1]. Sie werden seit Herbst 2008 von Zora durchgeführt und konzeptionell stetig weiterentwickelt.

   

Die Auswertung der bundesweiten Polizeilichen Kriminalstatistik für 2010 ergibt folgendes Bild: Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 18 Jahren kamen wegen Körperverletzung 12.774 Mal mit der Polizei in Kontakt. Im Vergleich dazu waren es im Jahr 1987 1.926 Kontakte. Dies bedeutet für die letzten 24 Jahre – und damit seit Bestehen von IMMA - eine sechsfache Steigerung der polizeilich bekannten Körperverletzungsdelikte.

Auch hinsichtlich der Schwere der Straftaten ergibt sich durch einen differenzierten Blick auf die Straftaten „schwere und gefährliche Körperverletzung“ ein ähnliches Ergebnis: hier nehmen in den letzten 24 Jahren die Zahlen ebenso um das sechs- bis siebenfache zu.

Im Geschlechtervergleich zeigt sich, dass in 2010 ein Fünftel aller Körperverletzungsstraftaten, die von Jugendlichen im Alter von 14-18 Jahren ausgeführt wurden, von Mädchen bzw. jungen Frauen begangen wurden.

 

 

2. Definitionen und Begrifflichkeiten

 

Gewalt 

„Gewalt wird im Folgenden vergleichsweise breit und komplex definiert als aktiv vollzogene Handlung, die sich gegen Lebewesen oder im Fall physischer Gewalt gegen Gegenstände richtet bzw. eine Schädigung und Verletzung im Rahmen sozialer Interaktionen androht. Die Schädigung kann durch körperliches Einwirken, durch psychischen Druck sowie durch verbale Aggressionen herbeigeführt werden und stellt sich als Verletzung körperlicher und seelischer Integrität durch andere Menschen dar.

Gewalt bezieht sich auf Handlungen und Handlungsabläufe bzw. Interaktionszusammenhänge identifizierbarer Akteure.“ [2]

 

Aggression und Aggressivität [3]

Es muss unterschieden werden zwischen aggressiven Gefühlen wie etwa Zorn, Ärger und Wut (Aggression) und aggressivem Verhalten (Aggressivität). Aggressivität kann einen offenen oder verdeckten Ausdruck finden. Wird die Aggressivität offen ausgelebt, kann dies durch physische oder verbale Gewalt stattfinden. Hingegen kann der verdeckte Ausdruck durch gezielte Boshaftigkeiten, Hinterhältigkeiten, Schweigen oder unterschwellige Aggressivität geschehen.

 

Gewalttätigkeit und Delinquenz ist eine Form von Kindeswohlgefährdung. Es geht zum einen darum, die Jugendlichen vor sich selbst zu schützen, aber auch den Schutz vor ihnen bei anderen zu gewährleisten. Deshalb sollten alle Handlungsschritte und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in diesem Bereich geeignet sein, entschieden der Gewalt entgegenzutreten und zugleich für die Gewalt ausübenden Jugendlichen ebenso entschieden einzutreten. [4]

 

Begrifflichkeiten bei IMMA [5]:

IMMA verwendet je nach Kontext und AdressatIn zwei Begriffe:

„Gewalt ausübende Mädchen“ nutzen wir

  • generell gegenüber Mädchen und jungen Frauen
  • in der Öffentlichkeitsarbeit
  • in fachpolitischen Kontexten

„Gewalttätige Mädchen“ nutzen wir

  • wenn wir bei der Darstellung des Trainingsangebots gezielt diese Zielgruppe ansprechen wollen
  • bei delinquenten, straffälligen Mädchen und jungen Frauen

 

Mädchenspezifische Ausdrucksformen von Gewalt

Mädchen können sowohl offen gewalttätig auftreten als auch über verdeckte, subtile Formen ihre aggressiven Gefühle „in die Tat umsetzen“, z.B. ignorieren und ausgrenzen, Ruf schädigende Gerüchte verbreiten, gegen andere Personen sticheln.

Oftmals vermischen sich offen und verdeckt ausgelebte Aggressionsformen. Die verdeckten Formen sind schwerer als Gewalt zu greifen. Häufig steht vor der Ausübung von offener Gewalt ein längerer Prozess, in dem zunächst verdeckte Aggressionsformen angewandt werden, die schwelende Spannung immer mehr angeheizt wird bis es zum Gewaltausbruch kommt. Dieser wird nicht selten als „show“ inszeniert – die Mädchen verabreden sich zum „Schlägern“ auch mit den jeweiligen Unterstützerinnen.

Spezifisch für weibliche Aggressivität ist auch, dass die Sozialisation von Mädchen die Aufrechterhaltung und Pflege von Beziehungen vorsieht, so dass sich dieser Aspekt auch bei deren Gewaltausübung widerspiegelt. Viele Taten haben „Beziehungscharakter“, das heißt die Gewalttaten dienen dem Erhalt von Freundschaften, der Familienehre oder der eigenen Ehre.

 

Die folgenden Aussagen beruhen auf unseren Beobachtungen in den Trainings sowie aus dem Fachaustausch mit Kolleginnen aus der Bundesrepublik: meistens werden Fäuste und Füße, selten jedoch Waffen eingesetzt. Mädchen nutzen häufig Provokationen, um den eigenen Status zu erhöhen, körperliche Auseinandersetzungen werden dafür in Kauf genommen.

Opfer der gewalttätigen Mädchen sind häufig Bekannte, ehemalige Freundinnen oder die Freundin der Freundin. Zumeist sind Mädchen Opfer von Tätlichkeiten durch Mädchen, manchmal aber auch Jungen.

 

 

3. Haltungen

 

Grundhaltung: Gewalt wird nicht toleriert

  • Dies gilt für alle Formen von Gewalt, d.h. verbale, körperliche, psychische, sexuelle Gewalt
  • Gewalt ist kein adäquater Weg zur Lösung von Konflikten, Spannungen, Problemen etc.
  • Diese Haltung wird von allen Mitarbeiterinnen konsequent verfolgt. Gewalt wird von den Pädagoginnen immer thematisiert. Der Abbau von Gewalt hat höchste Priorität.
  • Dennoch hat jedes Mädchen/jede junge Frau das Recht auf aggressive Gefühle, welche aber nicht zwangsläufig zu Gewaltausübung führen müssen.

 

Haltung gegenüber dem einzelnen Mädchen

  • Klare Trennung zwischen Person und Verhalten
  • Wir haben eine parteiliche Haltung dem Mädchen gegenüber
  • Wir treten dem Mädchen offen gegenüber
  • Das Mädchen wird ernst genommen
  • Die Kombination von Akzeptanz und Konfrontation macht Entwicklung erst möglich [6]
  • Ursachen und Hintergründe für die Gewalttätigkeit werden beleuchtet
  • Das Mädchen braucht unterschiedliche Unterstützungsangebote sowohl zur Bearbeitung ihrer Gewalterfahrung als auch ihrer Gewalttätigkeit.

 

Verantwortungsübernahme für die Tat durch das Mädchen/die junge Frau

  • Die Verantwortung liegt beim Gewalt ausübenden Mädchen
  • Verstehen der Ursachen ist keine Entschuldigung
  • Auch die Gleichzeitigkeit von „Opfersein“ und „Täterinsein“ ist keine
    Rechtfertigung der Gewaltausübung

 

IMMA bietet gewaltfreie Räume

  • Wir stellen einen Schutzraum für die Mädchen und jungen Frauen her
  • Gewalt ist kein Ausschlusskriterium oder Hinderungsgrund für die Aufnahme im stationären Bereich
  • Es gibt jedoch Ausschlussmaßnahmen, wenn der Schutz der Gruppe, von einzelnen oder der Täterin selbst nicht mehr gewährleistet werden kann
  • Eine konsequente Umsetzung von Regeln ist notwendig, um den Schutzraum zu erhalten

 

 

4. Folgerungen

 

… für die pädagogische Arbeit

  • Fokus ist die Unterstützung bei der Verhaltensänderung bei gleichzeitiger Wertschätzung der Person
  • Wir fördern Selbstwert und Selbstbewusstsein
  • Wir konfrontieren Mädchen mit ihrer Gewalttätigkeit
  • Wir fördern Impulsregulierung und Eigenkontrolle
  • Bei verbaler Aggressivität beziehen wir deutlich Position
  • Wir zeigen alternative Handlungsmöglichkeiten auf und bieten Raum, diese zu lernen und einzuüben
  • Wir ermutigen Mädchen, ihre aggressiven Gefühle wahrzunehmen und dafür einen konstruktiven Ausdruck zu finden
  • Das Thema Gewaltausübung wird in der Einzelbetreuung von den Mitarbeiterinnen aktiv eingebracht sowie in der Gruppenarbeit thematisiert
  • Mädchen, die ein Training absolvieren, werden bei Bedarf ergänzende Unterstützungsangebote von IMMA aufgezeigt.

 

… für die Teamebene

  • Akute Gewaltausübung wird mit Einrichtungsleitung, Psychologischem Fachdienst und Kolleginnen zeitnah besprochen
  • Es gibt Raum für Austausch und Reflexion in Teamsitzungen, Fallbesprechungen und Supervision
  • Kollegiale Beratung zwischen den Einrichtungen, insbesondere mit den Kolleginnen von Zora ist auf Anfrage möglich
  • Der Besuch von spezifischen Fachtagen und Fortbildungen sowie von Deeskalationstrainings wird je nach Bedarf ermöglicht.
  • Informationsvermittlung findet auch an Nebenbeschäftigte in angemessenem Rahmen statt.
  • Wenn Grenzen der Mitarbeiterinnen überschritten wurden, bekommen sie Unterstützung (durch Leitung, im Team, in der Supervision)

 

… für die Verankerung in den bestehenden Verfahren

    • Gewaltausübung wird in die Aufnahmeverfahren aufgenommen (Checklisten, Erstgespräche, Anamnese), gewalttätiges Verhalten wird genauer exploriert
    • Auch die Ausübung von sexualisierter Gewalt wird angesprochen, dafür werden geeignete Fragen oder Beispiele in den Teams überlegt
    • Gewalttätigkeit wird als Problemlage in der IMMA-Statistik aufgenommen
    • Körperverletzungen werden immer als Meldung besonderer Vorkommnisse gehandhabt
    • Die Gewaltausübung durch Mädchen ist Bestandteil des Schutzkonzeptes von IMMA.

     

    … für die Öffentlichkeitsarbeit

    • Gewalt ausübende Mädchen und junge Frauen sind als eine Zielgruppe in den Materialien zu benennen
    • Wir führen Gewaltausübung als eine der Problemlagen bei der Vorstellung unserer Angebote auf
    • Die Kontakt- und Informationsstelle bietet Fortbildungen bzw. Fachtage zu dem Thema an
    • Wir vermitteln unsere Positionen in der (Fach-)Öffentlichkeit und gegenüber Medien.

     

     

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    Diese Standards wurden von Steph Braun, Steffi Sfeir, Andrea Fühner und Sabine Wieninger erarbeitet. Grundlage waren zwei von Zora durchgeführte interne Fachgespräche, an denen Mitarbeiterinnen aller Einrichtungen beteiligt waren.

    Abgestimmt in der Leitungsrunde am 6.11.2012

    Freigabe durch die Geschäftsführung Gudrun Keller am 4.12.2012

    Fachleitung Sabine Wieninger

     

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    [1] Das Angebot nannte sich zunächst „Trainings für gewaltbereite Mädchen“.

    [2] Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, Berlin, 2007, S. 22

    [3] nach Carola Spiekermann und Astrid Peter, Referentinnen der Fortbildung „Aggressivität und Mädchen“ im November 2011, Veranstalterin: Kontakt- und Informationsstelle für Mädchenarbeit

    [4] Dr. Maria Kurz-Adam, Kinder- und Jugenddelinquenz: Herausforderungen für den öffentlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe, München, 2009, S.2

    [5] Vom ursprünglich verwendeten Begriff „gewaltbereite Mädchen“ nehmen wir mit zunehmender Auseinandersetzung Abstand, weil er die Tendenz zur Verharmlosung in sich trägt. Er ist nicht trennscharf, da potenziell alle Mädchen „gewaltbereit“ sind.

    [6] Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden 2, Hamburg, 1994, S. 47