26.07.2005 - Studien beweisen: Auch nach 25 Jahren Christopher Street Day fällt das Coming-out vielen jungen Männern und Frauen schwer.
Die Angst vor dem Satz: „Ich bin schwul“
Studien beweisen: Auch nach 25 Jahren Christopher Street Day fällt das Coming-out vielen jungen Männern und Frauen schwer
Von Dorothee Schmidt
Münchens Schwule und Lesben feiern den Christopher Street Day in diesem Sommer zum 25. Mal. Die Party ist selbstbewusst und ausgelassen – ganz anders als die erste kleine Demonstration der Homosexuellen im Jahr 1980. Sichtbar zu sein in der Öffentlichkeit scheint heute selbstverständlich. Doch das Coming-out, der erste Schritt dorthin, ist noch genauso schwer wie früher. Es kann eine Lebenskrise für junge Menschen sein.
Rolf Klaibers Lebensgefährte träumte in den achtziger Jahren davon, Landarzt zu werden. Mit einer eigenen Praxis. Einem Hund. Und einer Ehefrau. Trotzdem lebte er mit Rolf Klaiber in einer schwulen Beziehung – aber nicht öffentlich. „Wir traten nur in meinem Freundeskreis als Paar auf.“ Die Partnerschaft zerbrach schließlich. Heute ist Klaiber Inhaber das schwulen Buchhandels Max & Millian in München. Vor kurzem traf Rolf Klaibers Schwester zufällig den ehemaligen Freund ihres Bruders. Er hat eine Arztpraxis und eine Frau. Nur der Hund fehlt. „Für ihn hatte damals das gesellschaftliche Umfeld als Arzt nicht gestimmt. Es fehlte die Akzeptanz, die er für seine Identität brauchte.“
Ist es für junge Schwule und Lesben heute leichter als vor 25 Jahren, sich und der Welt einzugestehen, dass sie gleichgeschlechtlich leben und lieben? Die Organisatoren das Münchner Christopher Street Days bezweifeln das. Sie haben dieses Jahr das Motto „Young and Pride?“ gewählt und es mit einem Fragezeichen versehen. Grund zur Skepsis geben wissenschaftliche Studien, die sich mit dem Coming-out und den Problemen junger Homosexueller beschäftigt haben.
„Sie liebt sie, er liebt ihn“, eine Befragung des Berliner Senats, kommt zu dem Ergebnis, für viele Jugendliche sei das Coming-out noch immer eine problematische Phase. Gut die Hälfte der jungen Schwulen und Lesben hat schon einmal versucht, ihre homosexuellen Gefühle zu unterdrücken, die meisten vor dem 18. Geburtstag. Drei Viertel der weiblichen und 60 Prozent der männlichen Befragten erlebten mit dem Coming-out negative Reaktionen, jeder Zehnte sogar körperliche Gewalt. Eine Studie das niedersächsischen Sozialministeriums belegt durch den Vergleich mit einer Studie aus 1971, dass die Gewissheit, schwul zu sein, heute mit fast der gleichen Unsicherheit und Furcht verbunden ist wie vor 30 Jahren. Positive Gefühle wie Stolz und Freude hätten aber vor allem bei jungen Männern unter 20 Jahren zugenommen.
Bis zu Stolz und Freude ist es weit. Gut die Hälfte der weiblichen und knapp zwei Drittel der männlichen Jugendlichen benötigen Jahre für das innere Coming-out, für das Eingeständnis vor sich selbst, schwul zu sein. „ Zu erkennen, dass du homosexuell bist, ist die längste Schwangerschaft, die ein Mensch haben kann“, sagte ein junger Schwuler der Soziologin Jeannine Reiher.
Die Backstreet Boys
Michael ist 21. Zwischen seinem inneres und äußeres Coming-out liegen vier Jahre. Dass er „in die andere Richtung tendiert“, wusste er mit 13. „Ich fand die Backstreet Boys toll, und an der Musik lag das nicht.“ Das Schlüsselerlebnis für sein äußeres Coming-out vor einer Person seines Vertrauens war ein Junge aus der Schul-Big-Band, in den er sich verliebt hatte. „Solche Gefühle müssen etwas heißen.“ Mit 17 Jahren offenbarte er sich einer sehr guten Freundin. „Sie hat mich gelöchert, bis sie selbst darauf gekommen ist. Ich habe es nicht über die Lippen gebracht.“ Michael fühlte sich damals zittrig und unwohl, „weil es jetzt nicht mehr nur in mir drin war. Wenn sie es weitersagen würde, wäre es nicht mehr zu stoppen.“ Die Freundin reagierte locker, interessierte sich. „Das war die beste Erfahrung bisher“, meint Michael. In der Schule haben die meisten geahnt, dass er schwul ist. Wer ihn danach fragte, dem sagte er es. „Durch die fortlaufend guten Erfahrungen hat sich mein Selbstbewusstsein gesteigert. Es hat geholfen, selbstverständlich damit umzugehen.“ Sogar der heterosexuelle Junge, in den er damals verliebt war, hat sich nicht von ihm abgewandt, als Michael ihm seine Liebe gestand. „Vielleicht hatte ich besonderes Glück, meint er. „Ich kenne auch andere Geschichten.“
Mehr als die Hälfte der lesbischen und schwulen Jugendlichen, die in der Berliner Studie befragt wurden, haben schon einmal darüber nachgedacht, Selbstmord zu begehen. 18 Prozent haben es tatsächlich versucht. Die Zahl liegt damit vier mal höher als bei heterosexuellen Jugendlichen.
Auch die Mutter von Tobias, 18 Jahre, hatte solche Befürchtungen. „Sie sagte, ich muss mir nichts antun, ich sei noch immer ihr Kind.“ Nur durch Zufall wurde Tobias in seiner Familie geoutet. Ersten Kontakt zur schwulen Szene fand er mir 16 beim Chatten im Internet. „Ich teile einen Computer mit meiner Schwester, und durch die automatische Vervollständigung der Internet-Adressen landete sie in meiner Community und war sehr erstaunt, wer da mit ihr chatten wollte.“ Die Schwester sprach ihn darauf an. „Ich habe es zugegeben. Die Beweislage war überwältigend.“ Der erste Gedanke seiner Mutter war, dass sie keine Enkel von ihm bekäme. Mit dem Vater her er nie direkt gesprochen. „Ich frage mich, ob es ihm überhaut bewusst ist. Manchmal fragt er, ob nicht dieses oder jenes Mädchen etwas für mich wäre.“
42 Prozent der jungen Männer aus der Berliner Senatsstudie glauben oder wissen, dass ihr Vater Homosexualität ablehnt. Relativ viele Jugendliche können die Frage nach der Einstellung ihres Vaters gar nicht beantworten. Homosexualität scheint also immer noch ein Tabu in der Familie zu sein. Auch Michaels Verwandtschaft weiß noch nichts von seiner Homosexualität. Als seine fast 90-jährige Großmutter ihn in seiner Münchner Wohnung besuchte, verschwanden die Männerfotos von der Wand und die DVDs im Schrank. „Ich habe nicht das Selbstbewusstsein, es meiner Verwandtschaft zu sagen. Es fällt mir schwer, weil sie mir so nahe stehen.“
In der Schule hat sich Tobias nicht geoutet. „Ich bin nicht der Typ, der sich damit vor die Klasse stellt.“ Er bezeichnet sich selbst noch nicht als schwul, sondern sagt, dass er auf Jungs stehe. „Ich weiß, dass die Leute Vorurteile haben. Das Wort schwul ist durch die Jugendsprache in Verruf geraten.“
Jeder zweite schwule Jugendliche erlebte üble Nachrede und Beleidigungen durch Gleichaltrige, und 40 Prozent verloren noch dem Coming-out Freunde. Ein Drittel wurde in der Schule beschimpft. Die Untersuchung das niedersächsischen Sozialministeriums nennt die Schule einen „homophoben Ort“: Schwule werden zur Zielscheibe von Witzen und Verachtung. Ein Rechtskunde-Lehrer interviewter Schwulen forderte Internierungslager für HIV-positive Menschen, eine Biologielehrerin verlas zur Aids-Aufklärung einen Text, in dem Schwule vorkamen. Kommentar: „Na ja, zum Glück betrifft das ja hier keinen.“
Miriam Falkenberg betreut junge Lesben der Gruppe „JuLes“. Die Sozialpädagogin arbeitet im Münchner Mädchentreff Ragazza/IMMA e.V. und erzählt von einer der wenigen Lesben, die sich auch in der Schule offen als homosexuell zu erkennen geben. „Sie hat sich im Religionsunterricht ihrer Hauptschule geoutet und allein gegen die konservative Lehrerin und die Schüler argumentiert. Für eine 16-jährige ist das eine echte Leistung.“ Falkenberg glaubt, dass es bei Mädchen fünf bis zehn Jahre dauert, bis sie als Lesben etabliert sind.
Es kommt aufs Milieu an
„Frauen haben anders als Männer kaum positive homosexuelle Vorbilder aus dem Fernsehen oder der Öffentlichkeit. Sie haben mehr zu kämpfen.“ Den Prozess des Coming-outs macht Miriam Falkenberg vom Milieu abhängig. „Je ländlicher, je traditioneller und je religiöser das Umfeld, desto enger die Sicht.“ Den Eltern junger Lesben wirft sie vor, das Thema auszuklammern. „Totschweigen ist schwieriger für die Mädchen als ein großer Streit, auf den Besserung folgt. Wo Reibung ist, ist auch Wärme.“
Miriam Falkenberg sagt, das Coming-out ihrer Mädchen gehe heute schneller und sei insgesamt „einen Tick leichter“, weil das Thema in der Gesellschaft präsenter sei. „Junge Lesben finden heute schneller Gleichgesinnte in der Szene. Jede Woche kommen ein bis zwei neue Mädchen zu den JuLes. Aber die Probleme in Milieu und Elternhaus sind nicht groß anders als früher. Die Mädchen sind nur besser gerüstet, damit umzugehen.“
Rolf Klaiber glaubt, dass sein Freund, der sich für Arztpraxis und Frau entschieden hat, heute bessere Chancen hätte, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. „Es könnte anders laufen. Das gesellschaftliche Korsett ist nicht mehr so eng geschnürt wie früher. Aber es gibt auch heute noch Leute, die parken ihre Fahrräder beim nächsten Supermarkt statt vor dem schwulen Buchladen und verlangen nach einer neutralen Tüte.“
HILFE BEIM COMING-OUT
Er liebt ihn, sie liebt sie – und jetzt? Das Coming-out ist schwierig. Aber es gibt kundige Helfer, die junge Lesben und Schwule in München in der Phase sexueller Orientierung begleiten.
o Das Diversity-Café ist ein schwul-lesbischer Jugendtreff in der Glockenbachwerkstatt (Blumenstraße 7). Es ist für junge Leute bis 27 sonntags zwischen 15 und 21 Uhr geöffnet. www.diversity-muenchen.de, Tel.: (01 60) 547 96 12
o Lesbische und bisexuelle Mädchen bis 25 Jahre treffen sich donnerstags zwischen 18 und 22.30 Uhr bei IMMA im Ragazza (Jahnstraße 38). Hier können sie andere junge Lesben kennen lernen, finden Hilfe beim Coming-out und in akuten Krisensituationen eine Zufluchstelle. www.jules-im-ragazza.de, (0 89) 23 88 91 30
o Das schwule Kommunikations- und Kulturzentrum Sub bietet Selbsthilfegruppen für junge Männer auf dem Weg durchs Coming-out an. Die Teilnehmer treffen sich in etwa zehn Einheiten – an wöchentlichen Gruppenabenden und an einem Wochenende. Infos unter http://beratung.subonline.org/ oder Tel. (089) 26 02 50 70 (tagsüber) und (089) 194 46 (abends).