Presse

Angst vor der Familie

Süddeutsche Zeitung, 8. November 2010

Angst vor der Familie

 

Die Situation zwangsverheirateter  Frauen ist oft ausweglos- Münchener Hilfsstellen wollen insbesondere junge Männer zum Umdenken bewegen

 

 

Von Lisa Sonnabend

 

 

 

Olga (Name geändert) ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor ihrer Familie. Die Frau Anfang zwanzig ist zwangsverheiratet worden; ihr Mann bedrohte und misshandelte sie. Eines Tages hielt die Osteuropäerin es nicht mehr aus, nahm all ihren Mut zusammen und lief weg. Mehrmals wurde sie seitdem von ihrem  Mann und dessen Eltern aufgespürt- im Frauenhaus oder auf der Straße. Bislang konnte Olga stets entkommen. Doch wenn sie ihre Unterkunft in München verlässt, ist die Angst stets bei ihr.

Neun Frauen sitzen beim Arbeitskreis „Zwangsheirat verhindern“ in den Räumen der Initiative für Münchener Mädchen (IMMA) an der Jahnstraße. Beraterinnen, Sozialpädagoginnen, Anwältinnen. Geschichte wie die von Olga können sie alle zuhauf erzählen. Geschichten von Mädchen, die nach den großen Ferien plötzlich nicht mehr in der Schule auftauchen. Von Frauen, die unterdrückt und geschlagen werden. Von jungen Pärchen, die plötzlich vor der Tür der Beratungsstelle stehen, weil die Partnerin an einen Fremden Mann heiraten werden soll.

Zwangsheirat gibt es nicht nur in fernen Ländern, sonder auch in deutschen Städten. Die Bundesregierung hat deswegen jüngst ein Gesetz beschlossen, das Zwangsheiraten als eigenen Straftatbestand definiert, der mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden kann. Bisher gelten Zwangsehen allenfalls als Nötigung, mit der Neuregelung soll eine Verurteilung leichter werden.

Wie viele Frauen in München gegen ihren Willen verheiratet wurden, ist nicht bekannt. Nur eine Statistik in Deutschland gibt es: im Jahr 2005 wandten sich in Hamburg 210 Frauen an die Beratungsstellen des Stadtstaats – in München wird deswegen einer ähnlichen Zahl ausgegangen. Die Zahl der Zwangsverheirateten ist mit Sicherheit um ein Vielfacher höher – denn wie Monika Cissek - Evans, Leiterin der Münchener Beratungsstelle für Opfer von Frauenhandel Jadwiga, sagt: „Nur die wenigsten trauen sich, von der eigenen Familie davonzulaufen.“

Und das hat Gründe.

Viele Frauen werden wie Olga nach einem Ausbruch von der eigenen Familie, die meist traditionell und patriarchalisch geprägt ist, verfolgt. Die Eltern und der Mann fühlen sich in ihrem Ansehen, ihrer Ehre verletzt. Sie stammen oft aus der Türkei, Afghanistan oder dem Libanon, aber auch aus Indien oder vom Balkan.

Die Flucht bedeutet für die Frauen, dass sie einen kompletten Neuanfang in Kauf nehmen müssen: neuer Wohnort, neue Schule, neues Nummerschild für das Auto, oft sogar ein neuer Name.

Meist werden  die Geflohenen in einer Stadt fern vor ihrer Heimat untergebracht, wo sie niemanden kennen. Es bricht nicht nur der Kontakt mit der Familie weg, sonder das ganze bisherige Leben. Mit ihren alten Freunden dürfen sie nicht einmal mehr telefonieren- zu gefährlich. „Viele halten das einfach nicht aus“, sagt Cissek- Evans. „Wie auch“

In München können sich Frauen, die zu einer Hochzeit gezwungen werden, an mehreren Stellen wenden: an IMMA, an Jadwiga, an den Verein Solwodi (Solidarity with woman in distress ) oder an die Gleichstellungsstelle der Stadt.

Mitglieder dieser Organisationen treffen sich vier Mal im Jahr zum Arbeitskreis, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, aber auch, um Projekte zu planen.

Eines davon trägt den Namen „Heroes“, gerade laufen die letzten Beratungen, um es auf dem Weg zu bringen. Mit der Initiative sollen die Brüder von potentiellen Opfern einer Zwangsheirat angesprochen werden. „Denn mit mutigem Einsatz können sie die ungewollte Hochzeit der Schwester möglicherweise  verhindern“, sagt Cony Lohmeier von der Gleichstellungsstelle der Stadt. Die Flyer sind schon gedruckt. Bald werden die ersten jungen Männer zum Hero ausgebildet. Also zu einem Helden, der es wagt, die Schwester zu unterstützen und sich mit den Eltern zu reiben, wenn in der Familie plötzlich das Wort Heirat fällt.

Die Frauen vom Arbeitskreis sitzen vor einer Tasse Tee oder einem Glas Wasser, viele machen sich Notizen. Es wird gelacht- doch immer wieder schlägt die Stimmung m, wenn von einem Fall berichtet wird, bei dem die Hilfsangebote an ihre Grenzen stoßen. Der Arbeitskreis fordert deswegen eine intensivere Kooperation der verschiedenen Institutionen der Stadt. „Die Zusammenarbeit mit  der Polizei muss enger werden“, sagt Cissek- Evans. Aber auch bei scheinbar einfachen Fragen sind die Beratungsstellen  auf die Mitarbeit anderer angewiesen: Wo kann ich das Kfz-Kennzeichen ändern lassen? Oft scheitert ein Rettungsversuch auch am Geld. „ Es ist nicht klar, welche Gemeinde die Kosten trägt, wenn eine Frau in einer anderen Stadt untergebracht

Werden muss“, klagt Lohmeier.

Von dem neuen Gesetz der Bundesregierung halten sie in München indes wenig. „Wir erwarten jetzt keine erhöhte Zahl von Anzeigen“, sagt Cissek- Evans.